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Malteser Trier

Eine Integrationslotsin erzählt - ein aufschlussreiches Interview

Eine integrierte Gesellschaft – Schaffen wir das?
Mariam D. gehört zu den jungen Menschen, die etwas bewegen wollen. Die Migrationsbewegungen der letzten Jahre waren für Deutschland eine große Herausforderung. Integrationslotsen sollen die Geflüchteten in alltäglichen Situationen unterstützen und sie zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hinführen. Seit kurzem engagiert sich Mariam ehrenamtlich als Integrationslotsin der Malteser in einer Trierer Grundschule. Im Gespräch erklärt sie warum ihre Arbeit als Integrationslotsin keine Arbeit ist und wie sie einen entscheidenden Unterschied machen kann.

Mariam, wo arbeitest du als Integrationslotsin?
Mariam: Ich helfe einer Lehrerin in der Grundschule morgens für zwei oder drei Stunden. Es ist immer dieselbe Gruppe Kinder und ich unterstütze die ganze Gruppe. Aber da ist insbesondere ein Mädchen, Jasmin*, das ich oft rausnehme, weil sie weiter als die anderen ist. Ich bin Iranerin und das Mädchen kommt aus dem Iran. Deswegen ist sie immer glücklich darüber, wenn ich Zeit für sie habe und mit ihr etwas alleine mache.

Das heißt du sprichst auch Farsi?
Mariam: Leider nicht. Ich kenne ein paar Wörter, was ganz praktisch ist, weil sie manche Basiswörter im Deutschen lernt, wie Onkel und Tante. Das weiß ich, aber das ist kein großer Vorteil. Das ist eine Sympathie-Sache, weil sie mir von der Kultur erzählt und ich mich da gut reinversetzen kann. Allerdings sollte jeder Integrationslotse Interesse an den anderen Kulturen haben, die die Kinder mitbringen. Generell Offenheit.

Was sollte man außerdem als Integrationslotse mitbringen?
Mariam: In dem Bereich, in dem ich arbeite, sollte man natürlich auch gut mit Kindern klarkommen, aber es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, Integrationslotse zu sein, auch mit den Erwachsenen. Zum Beispiel Wohnungen suchen oder Formalitäten, Übersetzen und einfach zur Seite stehen. Das ist ja auch eine Möglichkeit.

Wie bist Du darauf gekommen, Integrationslotsin bei den Maltesern zu werden?
Mariam: Das mit den Flüchtlingen war quasi meine Hauptentscheidung mich überhaupt sozial zu engagieren. Ich habe besonders im letzten Jahr mitbekommen, dass die Flüchtlingswelle eine große Schwierigkeit war. Meine Mutter engagiert sich so gut sie kann, ich bin was die Nachrichten angeht sehr gut informiert, bekomme viel mit und war selbst viel im Ausland. Wenn ich dann höre, „Chaos in Germany“, denke ich: So ist es eben nicht und dann möchte ich etwas dazu beitragen. Ich möchte zeigen, dass wir es schaffen können.

Gehst du davon aus, dass Deutschland es schaffen kann? Schaffen wir das?
Mariam: Ich bin zwar erst einen Monat dabei, aber ich habe jetzt schon den Fortschritt mitbekommen. Das ist sehr schön. Jasmin – kleine Kinder können ja sehr schnell sehr viel lernen – sie schreibt jetzt schon selbstverständlich Buchstaben, die ich ihr vor zwei Wochen erklärt habe. Wir sind momentan bei den Umlauten. Und alles andere hat sie schon drauf. Man merkt richtig, wie sie jetzt ein Wort, das ich ihr letzte Woche noch umständlich versucht habe zu erklären, schon in ihr Tagebuch schreibt, so als hätte sie es für immer gekannt. Das ist super schön, weil ich wirklich merke: Wenn ich da jetzt ein oder zwei Stunden hingehe, dann bringt das wirklich was.

Wie sieht ein Tag aus, an dem Du Jasmin begleitest?
Es sind im Prinzip normale Schulstunden, in denen die Kinder erst einmal alphabetisiert werden sollen. In der ersten Schulstunde sind es ungefähr neun Kinder, die alle Migrationshintergrund haben. Sie kommen meistens aus den Kriegsregionen.
Die Kinder sind wie Jasmin sechs bis acht Jahre alt und können sich noch nicht lange konzentrieren. Deshalb ist es gut, dass die Lehrerin nicht alleine ist. Außerdem sind sie nicht sehr ruhig, da sie oft die Schulsituation nicht mehr gewohnt sind. Sie hatten lange Zeit viel Chaos um sich herum und haben Schwierigkeiten, still auf dem Platz sitzen. Das müssen wir nachvollziehen können.
Nach der ersten Stunde kommt die Frühstückspause. Währenddessen wird etwas gespielt, bei dem die Kinder so viel Deutsch wie möglich hören und sprechen.
In der zweiten Stunde kommen mehr Schüler hinzu, die schon besser Deutsch können. Viel wird zusammen gemacht, aber es wird sehr individuell gefördert. Wir können die Kinder nicht ahnungslos in irgendeine Klasse setzen. Die Lernstufen sind sehr unterschiedlich. Von fast fließend Deutsch sprechen bis gar kein Wort Deutsch sprechen. Die meisten können schon Deutsch verstehen und es geht darum, dass sie auch das Alphabet lernen und das Schreiben, so wie die anderen Kinder in der ersten Klasse.

Seit wann ist Jasmin in Deutschland?
Mariam: Der Vater hat mir erzählt: Seit letztem Jahr, kurz vor Weihnachten. Da sind sie in Deutschland an der Grenzkontrolle angekommen. Jasmins größerer Bruder ist noch im Iran. Aber er ist erwachsen und sie ist noch ein Grundschulkind. Ich weiß nur, dass sie vom Iran in die Türkei geflogen sind und dann mit dem Schiff nach Griechenland und von dort per Land nach Deutschland. Sie waren neun Tage unterwegs.

Gibt es große Kommunikationsschwierigkeiten?
Mariam: Ich war über die Weihnachtsferien bei ihnen. Die Lehrerin hatte mich gefragt, ob ich mir trotz der Schulferien vorstellen könnte, trotzdem mal für zwei Stündchen vorbei zu kommen. Ich war abends nach der Arbeit bei der Familie. Das war echt nett, weil auch die Eltern sehr motiviert sind, Deutsch zu lernen. Vor allem der Vater spricht schon sehr gut Deutsch. Ich kann ja kein Farsi, aber wir können uns ohne Probleme komplett auf Deutsch unterhalten. Sie lernen wirklich sehr viel, sind neugierig, fragen und fördern das bei Jasmin. Zum Beispiel haben sie ihr gesagt, während der Weihnachtsferien jeden Tag so eine Art Tagebucheintrag zu schreiben, was ich zum Beispiel kontrolliert habe.

Was war bisher dein schönstes Erlebnis in der Arbeit als Integrationslotsin?
Mariam: Ich denke als ich bei der Familie Zuhause war. Es wurde dann auch später. Eigentlich wollte ich nur kurz vorbeikommen, habe aber mit Jasmin lange gelesen. Sie hat danach etwas gemalt und daneben geschrieben, was das ist. Die Mutter hat mir angeboten – Iraner sind sehr gastfreundlich – ob ich mit ihnen zusammen Abendessen will. Ich habe direkt „Ja“ gesagt… Weil es auch eine super leckere Küche ist. Generell ist Jasmins Familie super nett und dankbar. Ich kann das jedem empfehlen. Ich fühle mich danach gut, weil ich mich aktiv engagiert habe und die Flüchtlingskrise nicht nur passiv in den Nachrichten verfolge. Ich bin dabei.

Wieso würdest du Anderen empfehlen, die Arbeit als Integrationslotse aufzunehmen?
Mariam: Ich empfinde es nicht als Arbeit, wenn ich da morgens in der Schule bin, weil das Spaß macht. Also auch für einen Studenten: zwei Stunden kannst du entbehren. Man hat nochmal etwas Anderes im Alltag und das tut auch als Ausgleich gut. Danach gehe ich mit einem guten Gefühl ins Büro arbeiten und kann mich trotzdem konzentrieren.
Das, was ich mache, ist das stärkste Argument: Die wenigen Stunden, die ich selbst opfere, bringen Jasmin so viel, weil ich mir denke, dass das für ihr Leben einen riesen Unterschied machen kann, ob sie gut integriert wird oder nicht. Im Endeffekt ist das im Interesse von uns allen, dass wir eine integrierte Gesellschaft sind.

Mariam D. ist 22 Jahre alt und hat gerade ihren Bachelor im Fach Economics abgeschlossen. Schon während ihres Studiums in Maastricht hat sie sich für die ehrenamtliche Arbeit interessiert. Jetzt arbeitet sie in Luxemburg im Risikomanagement und widmet sich unabhängig davon ehrenamtlich als Integrationslotsin der Malteser der Flüchtlingsarbeit an einer Trierer Grundschule.


Eva-Marie Guldner
 

*) Name geändert

Weitere Informationen

Ihr Ansprechpartner

Maria Witte
Diözesanreferentin Flüchtlingshilfe, Koordinatorin ehrenamtliche Integrationsdienste
Tel. (0651) 14648-27
Fax (0651) 14648-48
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